DIE OPFER
Berisha, Sadri.Ausriss.aus.Stern.17-1993
(Ausriss aus Stern 17-1993)
Diese Tat hatte zwei Opfer, einen Toten und einen Schwerverletzten. Der Tote war Sadri Berisha (56) und der Schwerverletzte Sahit Elezaj oder Elezay (46). Beide kamen aus dem damaligen Jugoslawien und gehörten dort zur Minderheit der Kosovo-Albaner.
Berisha und Elezay arbeiteten – Berisha seit 21 Jahren – bei einer Baufirma in Kemnat und schickten regelmäßig Geld zu ihren Familien in den Kosovo. Sadri Berisha hatte drei Kinder und überwies die Hälfte seines Lohnes an seine Familie in der Heimat.
Elizay, Sahit
(Ausriss aus Stern 17-1993)
Sahit Elezaj war zu dieser Zeit Vater von sieben Kindern im Alter zwischen zwei und 16 Jahren. Der Überlebende Elezaj durfte nach der Tat seine Familie nach Kemnat holen.

DIE TAT
Am Abend des 7. Juli 1992 trafen sich am Abend sieben Männer in Ostfildern-Kemnat bei Esslingen, einer Kleinstadt mit 5.000 Einwohnern, die ihr Rassismus vereinte und zu einer Mordtat motivieren sollte. Die Täter waren zur Tatzeit zwischen 20 und 30 Jahren alt und lernten sich zum Teil erst an dem besagten Abend in ihrer Stammkneipe „Keglerklause“, die zu dieser Zeit von Jugoslawen betrieben wurde, kennen:
* Thomas Wede (25), nannte sich selbst einen Hooligan und war bis dato 13 Mal wegen Körperverletzung vorbestraft. Er arbeitete im Security-Gewerbe in Bierzelten und auf Volksfesten.
Er und seine Brüder waren seit längerem wegen rechter Gewalt aktenkundig. Im Juli 1991 hatten in Kemnat Neonazis auf dem Grillplatz „Rossert“ schlafende Türken überfallen, geschlagen und mit Messern verletzt. Dabei wurde ein 27-jähriger Deutscher, der dort mit seinen türkischen Freunden gefeiert hatte, schwer verletzt. Er konnte nur durch eine Not-Operation gerettet werden. Der Täter Martin Wede, Bruder von Thomas, wurde deswegen im Juni 1992 wegen versuchten Totschlages zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt.
Der Mittäter Michael Grammdorf sagte später im Prozess aus: „Thomas fand das Dritte Reich ganz toll und die Sache mit den Juden okay.“
* Michael Drigalla (20), kommt aus der Nähe von Leipzig.
* Roland Wede (23), ist seit 1987 bekannt wegen Angriffen und Schlägereien mit MigrantInnen. Im Jahr 1986 oder 1987 tyrannisierte er mit Freunden auf einem Grillplatz eine Gruppe von Landwirtschaftsschüler/innen. Aus der Gruppe von 21 Jugendlichen ließen sich die sechs Nazi-Skinheads Ausweise zeigen, selektierten vermeintliche Migrant/innen und schlugen sie dann zusammen. Auch einen Deutschen, der für einen Migranten gehalten wurde, verprügelten sie dabei.
* Frank Neumann (22), galt als Neonazi und kommt aus der Nähe von Leipzig. In seiner Heimat hatte er nach der Wende Kontakt zu den rechtsradikalen Republikanern und trug den Spitznamen „Schönhuber“. Er las einschlägige, braune Literatur.
* Michael Grammdorf (30), kommt aus Kemnat.
* Klaus-Dieter Angelbauer (21), kommt aus Kemnat und war bei der örtlichen Feuerwehr.
* René Jähn (21), kommt aus der Nähe von Leipzig.

Vier der Täter stammten aus Kemnat, drei (Neumann, Drigalla und Jähn) kamen aus einem Ort bei Leipzig. Sie waren auf der Suche nach Arbeit nach Kemnat gekommen, wo sie bei derselben Transportfirma arbeiteten und in einer Wohnung lebten. Sie sollen sich bereits in der Region Leipzig in rechten Zusammenhängen bewegt haben.

Die am Abend des 7. Juli spontan entstandene Gruppe zog nach Kneipenschluss zur gemeinsamen Wohnung der Ostdeutschen. Hier hören sie sich Hitler-, Goebbels- und Himmler-Reden von der Kassette und die Schallplatte „Der Metzger“ der Rechtsrock-Band „Kahlkopf“ an, die beide Neumann gehören. Man zeigte sich gegenseitig den Hitlergruß und rief „Sieg Heil!“. Thomas Wede gab später zu Protokoll: „Uns hat das aufgeputscht“. Durch die „Führerreden“ und die Hassmusik aufgehetzt und durch Alkohol und Drogen (Koks, Haschisch) aufgeputscht beschloß die Gruppe „Polacken aufzuklatschen“. Denen, soll jemand gesagt haben, werde man jetzt einmal zeigen, „was ein Deutscher ist“.
Zwei holten dazu noch Waffen. So holte Roland Wede Baseballschläger und Vierkant-Metallstange. Dann zog die Gruppe gegen 1.30 Uhr des 8. Juli los. Sie waren bewaffnet mit zwei Baseballschlägern, einem Vierkant-Metallrohr und einer Gaspistole.

Ursprüngliches Ziel war es in einem Flüchtlingsheim„Randale [zu] machen“. Auf dem Weg dahin entdeckten die Gruppe dann aber die offene Tür an einem von Jugoslawen bewohnten Containerheim für die Arbeiter einer Baufirma in der Hagäckerstraße.
Drei Täter (Grammdorf, Angelbauer, René Jähn) warteten vor dem Gebäude, die anderen vier (die zwei Wede-Brüder, Drigalla, Neumann) drangen in das Haus ein. Nach dem Sturm auf den ersten Stock seien sie in einen „rauschhaften Zustand“, so dass Experten-Gutachten, verfallen und hätten „in blinder Wut“ zugeschlagen. Jedenfalls traten sie mit ihren Stiefeln die Tür im ersten Stock auf und schlugen auf die zwei dort Schlafenden ein, während die anderen beiden Täter sich mit Pistole und Rohr vor der Tür postierten. Drei der vier Angreifer im Hausinnern waren vermummt. Die Täter knipsten das Licht an und schlugen sofort 20 bis 30 Sekunden auf Kopf und Brustkorb ihrer beiden Opfer ein. Sadri Berisha wurde von Thomas Wede durch zwei Schläge mit einer Baseballkeule der Marke „black beauty“ gegen den Kopf ermordet. Er starb eine Stunde nach Attacke noch am Tatort an einem Schädelbruch.
Berishas Zimmergenosse und Landsmann Sahit Elezaj überlebte schwer verletzt. Er flüchtete aus dem Bett und verkroch sich in einer Ecke unter der Dachschräge. Das überlebende Opfer berichtete später, es wäre ihm erst gegen die Schläfe, dann gegen den Nacken geschlagen worden. Dabei rief einer der Täter: „Wir machen euch tot“ und „Steh auf, du Polackenschwein“. Als er fliehen wollte, hieß es: „Bleib liegen, du Polenschwein.“
Elezaj musste für Monate ins Krankenhaus und war lange arbeitsunfähig.
Nach der Tat steckte Drigalla seine blutverschmierte Kleidung sofort in die Waschmaschine. Auch die Baseballschläger wurden vom Blut gereinigt.

DER PROZESS
Bereits zwei Tage nach der Tat wurden die Täter durch die 35-köpfige Sonderkommission „Ball“ ermittelt und seitdem befanden sich fünf Angeklagte in Untersuchungshaft. Die Polizei verkündete nach der Tat voreilig: „Es steht eindeutig fest, daß für die Tat keine politischen Hintergründe in Betracht kommen.“ Später kritisierte im Prozess der Staatsanwalt in ähnlicher Weise, die Medien hätten das Verfahren zu einem „politischen Prozeß hochstilisiert“.
Der Prozess war das bundesweit erste Mordverfahren gegen Täter, die aus „Fremdenfeindlichkeit“ gehandelt hatten. Die Verhandlung gegen die sieben Männer im Alter zwischen 20 und 31 Jahren vor der Zweiten großen Strafkammer (Jugendkammer) des Stuttgarter Landgerichts begann am 27. April 1993. In dem sechstägigen Verfahren wurden 22 Zeug/innen und fünf Sachverständige angehört. Es gab im Prozess drei Berufsrichter, zwei Laienrichter, sieben Verteidiger, zwei Nebenkläger und einen Staatsanwalt.
Die Mehrheit der Täter wies eine zerrüttete Lebensgeschichte auf und hatte Gewalterfahrungen in der eigenen Familie gemacht.
Der Staatsanwalt Karl-Heinz Engstler forderte für die beiden Hauptangeklagten eine lebenslange Freiheitsstrafe und für die fünf Mitangeklagten Freiheitsstrafen zwischen acht Monaten und acht Jahren. Er könnte „keine Exzeßtat“ erkennen und hatte bei den Angeklagten „keine Reue“ wahrgenommen. Er kritisierte, dass Thomas Wede die Tat beschrieben hätte, „als hätte es sich um seine letzte Urlaubsreise gehandelt“. Engstler kommentierte die Gesinnung der Angeklagten mit den Worten: „Ihre rechtsextremistische Orientierung ist an jedem Stammtisch zu finden.“
Der damalige grüne Landtagsabgeordnete Rezzo Schlauch vertrat als Nebenkläger Sahit Elazaj. Schlauch meinte, auf die Anklagebank gehörten „auch andere Gruppen und Kräfte, die in unverantwortlicher Weise das Asylproblem in der Öffentlichkeit diskutierten, so daß sie den Angeklagten das Gefühl gaben, daß das, was sie taten nicht so unrecht sei“.
Ein Zeuge aus der Stammkneipe bestätigt diesen Eindruck: „Sie haben eigentlich das gemacht, was alle denken.“ Und: „Gegen Schein-Asylanten ist doch jeder. Das ist doch ganz normal.“ Ähnliches analysierte auch der herangezogene Experte Kurt Senne, Sozialpädagogik-Professor von der FH Esslingen. Für Ich-Schwache habe der „politische Diskurs unserer Eliten über Zuwanderung als Akzeptanz für Ausländerhass erscheinen“ müssen. In einem Gutachten schrieb Senne zudem: „Das war der ganz normale, dumpfe Rechtsradikalismus, wie Sie ihn jeden Abend zwischen 22 und 24 Uhr in jeder Kneipe hören.“ Und: „Die Tat hat über den Mord hinaus eine politische Bedeutung, besonders vor dem Hintergrund der unglücklichen Diskussion der politischen Elite über Ausländer- und Asylrecht“

Richter Hans-Alfred Blumenstein fasste den Mord mit folgenden Worten zusammen: „Der Tod Berishas durch zwei wuchtige Schläge kommt einer Hinrichtung gleich.“ Der Richter meinte überdies, die Tat sei „keine politische tat im eigentlichen Sinn“, sondern „Ausbruch eines dumpfen, unreflektierten, rechtsextremen Stammtisch-Rechtsradikalismus und -Chauvinismus, wie er nach Einbruch der Dunkelheit an vielen Stammtischen nicht nur in Deutschland zu finden ist“.
Am 13. Mai 1993 verkündete der Vorsitzende Richter Hans-Alfred Blumenstein das Urteil und folgte in diesem weitgehend den Anträgen der Staatsanwaltschaft:
* Thomas Wede (26), Hauptangeklagter wegen heimtückischen Mordes aus niederen Beweggründen, erhielt eine lebenslängliche Freiheitsstrafe.
* Michael Drigalla (21), Hauptangeklagter wegen heimtückischen Mordes aus niederen Beweggründen, erhielt neun Jahre Jugendstrafe.
* Roland Wede (23), angeklagt wegen Körperverletzung mit Todesfolge zusammen mit gefährlicher Körperverletzung, erhielt eine Freiheitsstrafe von acht Jahren.
* Frank Neumann (22), angeklagt wegen Körperverletzung mit Todesfolge zusammen mit gefährlicher Körperverletzung, erhielt eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren.
* Michael G. (31), angeklagt wegen Beihilfe, erhielt eine Freiheits- oder Jugendstrafe ausgesetzt auf Bewährung zu drei Jahren und 4.000 DM Strafe, die an die Angehörigen zur „Wiedergutmachung“ gezahlt werden sollen.
* Klaus-Dieter A. (21), angeklagt wegen Beihilfe, erhält eine Freiheits- oder Jugendstrafe ausgesetzt auf Bewährung zu drei Jahren und 4.000 DM Strafe, die an die Angehörigen zur „Wiedergutmachung“ gezahlt werden sollen.
* René Jähn (21), angeklagt wegen Beihilfe, erhielt eine Freiheits- oder Jugendstrafe ausgesetzt auf Bewährung zu drei Jahren und 4.000 DM Strafe, die an die Angehörigen zur „Wiedergutmachung“ gezahlt werden sollen.

REAKTIONEN & ERINNERUNG

Am 11. Juli 1992 fand in Reaktion auf den Mord die erste Demonstration von etwa 300 Menschen in Kemnat statt. Bei einer Pressekonferenz der Stadtverwaltung von Ostfildern am 16. Juli 1992 mit dem damaligen ersten Bürgermeister in Ostfildern, Herbert Rösch, sagte dieser, dass es in Ostfildern keine Skinhead- oder rechtsradikale Szene, sondern nur Einzeltäter gäbe. Rösch sagte aber an anderer Stelle immerhin auch: „Mit Scham und Zorn müssen wir zur Kenntnis nehmen, daß sich unsere ausländischen Mitbürger bei uns nicht mehr sicher fühlen können“.
Demo nach Mord an Berisha, Sadri
(Ausriss aus Karlsruher Nachrichten vom 14.05.1993)
Am 18. Juli 1992 folgte ein Schweigemarsch durch Kemnat und am 25. Juli 1992 fand eine weitere Demonstration mit 350 TeilnehmerInnen statt.
Außerdem gab es Spendenaktionen für die Angehörigen der beiden Opfer.
Dem Opfer Sadri Berisha wurde das Theaterstück „Wenn’s ernst wird“ von Thomas Stiefele gewidmet, was am 17. Februar 1993 im Stuttgarter „Theater der Altstadt“ uraufgeführt wurde.

LITERATUR & QUELLEN

* Vor 20 Jahren: Der Mord an Sadri Berisha, 06. Juli 2012, http://hotel-silber.de/aktuelles/news-detailanzeige/eintrag/280/