DAS OPFER
Das Opfer war der 34-jährige aus Angola stammende Arbeiter Agostinho Comboio aus Wangen im Allgäu. Der Ermordete war seit eineinhalb Jahren mit einer deutschen Frau aus Wangen verheiratet.

DIE TAT
In der Nacht zum 16. Juni 1991 wurde der Angolaner Agostinho Comboio (34) vor einer Kneipe in Friedrichshafen von dem Nazi-Skinhead Mario Radovanovic (* 1972) aus Ravensburg erst verprügelt und dann erstochen.
Am 15. Juni 1991 hatte der 19-jährige Täter sich bereits am Nachmittag mit anderen rechten Skinheads in der Friedrichshafener Uferanlage getroffen. Dort hatten sie zwei Kästen Bier vertrunken und dunkelhäutige PassantInnen rassistisch beleidigt und bedroht („Drecksnigger verrecke“).
Abends traf man sich dann im Lokal „Bleibtreu“, was als Treffpunkt rechter Skinheads bekannt war.
Der offenbar schwer alkoholisierte Mario Radovanovic – der Gerichts-Mediziner errechnete später 2,7 Promille – soll kurz vor Mitternacht neben der Tanzfläche von Agostinho Comboio angerempelt worden sein. Mario Radovanovic forderte Agostinho Comboio heraus. Er zog im Hofraum der Gaststätte sein Butterfly-Messer mit feststehender Klinge und stach dreimal in die Brust seines Opfers. Dieses kehrte zwar noch vor die Gaststätte zurück, brach dort aber zusammen. Obwohl sofort ein Notarzt zur Stelle war, starb das Opfer noch auf dem Weg ins Krankenhaus an einem tödlichen Stich in die Herzkammer.

Bereits in den Jahren zuvor war es zu einem deutlichen Anstieg rechter Gewalt in der Bodensee-Region gekommen, der durch die Vereinigung von BRD und DDR und den damit einhergehenden nationalistischen Taumel noch weiter angeheizt wurde.
Demo Friedrichshafen 1991

Der Täter Mario Radovanovic wurde in einem Flugblatt des „Antifaschistischen Bündnis Friedrichshafen vom 8. Februar 1992 als „stadtbekannter Neonazi“ beschrieben. Demnach soll er an Angriffen auf das Jugendzentrum in Ravensburg im Jahr 1989 um „Punks zu klatschen“, den linken Treffpunkt „Räuberhöhle“ in Ravensburg im Herbst 1990 und auf das Jugendhaus in Friedrichshafen im Februar 1991, wo er ein Tränengasspray einsetzte, beteiligt gewesen sein. Insgesamt war er vor der Tat in rund 20 Schlägereien und Übergriffe beteiligt gewesen. Deswegen war er bereits wegen schwerer Körperverletzung und Sachbeschädigung vorbestraft.
Außerdem verteilte er im Jugendzentrum Friedrichshafen rechte Propaganda und fungierte am 23. Mai 1989 als Ordner bei einer Wahlkundgebung der extrem rechten Partei „Deutsche Volksunion“ (DVU) in Friedrichshafen. Zudem hatte er Kontakte zur „Nationalistischen Front“ (NF), einer 1994 verbotenen Neonazi-Partei, und zur NPD.
In der Wohnung des Täters wurden neben weiteren Messern extrem rechtes Propaganda-Material und Hitlerbilder gefunden.

ERMITTLUNG & PROZESS

Am 10. Februar 1992 begann vor der Zweiten Jugendkammer am Landgericht Ravensburg der Prozess gegen den Täter. Der Prozess dauerte insgesamt nur zwei Tage. Es wurden 25 ZeugInnen und Sachverständige angehört.

Davor hatten Polizei und Staatsanwaltschaft versucht Beweise für die angebliche Aggressivität des Opfers Agostinho Comboio zu sammeln. Auch im Prozess wurde die These einer „Art von Panikreaktion auf den dunkelhäutigen Ausländer“, so ein Artikel, erwogen. Die Presse übernahm teilweise ungeprüft diese These.

Vor dem Gericht stellt sich heraus, dass der Täter nach dem Verbrechen in der rechten Szene als „Held von Friedrichshafen“ gefeiert wurde. Der Täter war seit seinem zwölften Lebensjahr Skinhead. Er gab an, dass er an der rechten Gruppe, in der er sich bewegt habe, habe er vor allem deren „Stolz auf das Vaterland“ geschätzt. Die rechten Skinheads in Oberschwaben bezeichnete er als „Freunde und Kameraden“ und als „korrekte Leute“. Diese sagten dann vor Gericht auch zugunsten des Angeklagten aus, so dass der Richter mehrmals eine Vereidigung androhte, diese Drohung aber nie umsetzte. Auf der Gerichts-Toilette kritzelten die Skinhead-Freunde des Täters auch „Mario, weiter so“.
Zudem gestand der Täter seine Bewunderung für den Nationalsozialismus („Da gab’s keine Arbeitslosen und „Die Leute hatten damals ein Leitbild“), samt HJ, SA und SS, ein. Der Täter gab an „Scheinasylanten“ nicht zu mögen und Dunkelhäutige.
Trotz des eindeutig rassistischen Weltbild des Täters wollte das Gericht diesem keinen direkten Tötungsvorsatz unterstellen. Der Täter habe lediglich, so der Vorsitzende Richter Dr. Dieter Rittmann, „billigend in Kauf genommen“, dass sein Opfer mit dem Messer tödlich verletzt werden könne.
Die Jugendstrafkammer vermied es in ihrem Urteil bewusst, dem Prozess eine politische Dimension zuzugestehen. Das Plädoyer des Oberstaatsanwaltes Wilhelm Tonhauser blieb sehr allgemein gehalten: „Aus fehlender Achtung vor dem anderen wird Haß“. Die Staantsanwaltschaft forderte sechs Jahre Jugendstrafe.
Der Anwalt des Täters, Wolfgang Weber aus Ravensburg, versuchte dagegen seinen Mandanten und dessen Tat zu verharmlosen. Er charakterisierte Mario Radovanovic als „einfach gestrickt“ und „konturlos“, der aus Langeweile in die rechte Szene gekommen sei. Immerhin vermerkte Weber kritisch: „Jemand, der sich so wie die Skins verhält, der stößt auf ein bürgerliches Verständnis angesichts einer Politik, die keineswegs fremdenfreundlich ist“.
Die Verteidigung sah in der Tat lediglich eine Körperverletzung mit Todesfolge. Der Angeklagte habe sich angeblich nur aus dem Griff des Opfers befreien wollen. Die Hautfarbe des Opfers, so der Angeklagte vor Gericht, habe mit dem Streit und der Tat nichts zu tun gehabt. Die Behauptung dass Messer nur zum Selbstschutz gekauft zu haben, brachte Richter Rittmann auf die Palme: „Dieses dumme Geschwätz höre ich fast jedesmal.“
Der Täter wurde am 11. Februar 1992 vom Landgericht Ravensburg zu einer Jugendstrafe von fünf Jahren wegen Totschlags verurteilt. In der Urteilsbegründung hieß es: „Wir mussten davon ausgehen, dass die Hautfarbe des Opfers wesentlich zur Tat beigetragen hat.“ und gerade einem Schwarzen gegenüber „darf man als Skinhead nicht nachgeben“, interpretierte Richter Rittmann das Verhaltensmuster des Täters. Und: „Die Zugehörigkeit des Angeklagten zu den Skinheads spielte eine wesentliche Rolle bei der Tat“.

Nach dem Prozess bot die Witwe des Opfers, die als Nebenklägerin auftrat, dem Täter ein persönliches Gespräch an, was dieser nach kurzem Zögern, annahm.

REAKTIONEN & ERINNERUNG
Es kam nach der Tat zu einem Trauermarsch für den Ermordeten. Dabei provozierten drei Neonazis mit dem Hitlergruß und Beschimpfungen. Als die anwesende Polizei nicht reagierte, vertrieb ein Teil der DemonstrantInnen die Neonazis selber.
Mario S. als DVU-Ordner

In der regionalen Tageszeitung „Schwäbische Zeitung“ schalteten der „Arbeitskreis Asyl“ und andere Gruppen Traueranzeigen

Beim Seehasenfest in Ravensburg verteilten GesinnungsgenossInnen des Täters Flyer mit dem Text „Freiheit dem Helden von Friedrichshafen – Notwehr ist kein Totschlag“. Die Tat wurde in der Szene auch als „Abstechen einer Schwarzwurst“ gefeiert.
Später tauchten am Tatort rassistische Schmierereien auf („tote Nigger, gute Nigger“).
Auch die Witwe von Agostinho Comboio wurde von FreundInnen des Täters belästigt und mit Telefonterror konfrontiert.

Während Agostinho Comboio in der Statistik des Bundesinnenministeriums vom 16. September 1993 (Bundesdrucksache 12/5679) erfasst wurde, verschwand sein Name von der am 21. April 1999 (Drucksache 14/805) herausgegebenen Statistik zu neofaschistischen Verbrechen.

LITERATUR & QUELLEN