Übersetzung ins Russische (PDF).

DIE OPFER
Opfer waren der 15-jährige Viktor Filimonovim, der 16-jährige Waldemar Ickert und der 17-jährige Aleksander Schleicher. Alle drei stammten aus Spätaussiedler-Familien.
Der Realschüler Viktor Filimonovim war erst vor sechs Monaten nach Heidenheim gekommen. Er war am Donnerstag, dem 18. Dezember, 15 Jahre alt geworden und wollte am Freitag zusammen mit seinen Freunden feiern.
Auch Waldemar Ickert war Schüler, der 17-jährige Aleksander Schleicher dagegen im Berufsvorbereitungsjahr.

DIE TAT
In der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember 2003 erstach in Heidenheim an der Brenz vor der Diskothek „K2“ der 17-jährige Neonazi Leonhard Schmidt die drei Spätaussiedler-Jugendlichen Viktor Filimonovim (15), Waldemar Ickert (16) und Aleksander Schleicher (17).
Tatort
Der Täter kam am 19. Dezember gegen 22.30 Uhr zur Diskothek „K2“ in Heidenheimer Innenstadt, die vor allem Punks, sowie linksorientierte Schüler/innen und Student/innen anzieht. Die Location bezeichnet sich selbst als „Alternativen Club für unkommerzielle Ansprüche“.
Hier wurde er aufgrund seiner Zugehörigkeit zur rechten Szene an der Tür und eines Hausverbots abgewiesen. Er war bereits früher aufgefallen, unter anderem weil er wenige Wochen zuvor mit einer rechten Gruppe vor der Diskothek einen Punk angegriffen hatte. Trotzdem tauchte der Täter mit einem Mädchen und einem Freund dort auf und bestand darauf, hinein gelassen zu werden. Der Clubbetreiber rief daraufhin die Polizei. Da Leonhard Schmidt trotz Hausverbots das Lokal betreten wollte, wurde er von der Polizei mit einem Platzverweis bedacht und es wurden von den Beamten seine Personalien aufgenommen. Danach entfernte er sich wieder.
Nach einer halben Stunde, etwa 23 Uhr, kehrte er mit einem Freund, ebenfalls ein Rechter, zu der Diskothek zurück. Die Polizei war inzwischen wieder abgezogen. Hier trafen die beiden eine siebenköpfige Gruppe von jugendlichen Spätaussiedlern. Die Aussiedler waren offenbar zuvor mit Rufen wie „Nazis raus aus Deutschland“ durch Heidenheim gezogen. Zwischen einem aus der Gruppe und dem Begleiter von Leonhard Schmidt kam es zu einem Gerangel. Der Türsteher Roger W. griff ein. Währenddessen zog Leonhard Schmidt unvermittelt ein Springmesser mit einer 20 Zentimeter langen Klinge und stach blitzschnell zu – je ein bis zwei Mal. Von den Behörden wird das später als „unvermittelt und überraschend“ bezeichnet. Mit seinem Messer zielte der mutmaßliche Täter direkt auf das Herz seiner Opfer.
Zwei der Opfer starben sofort und waren schon tot als der Notarzt eintraf. Der 17-jährige Alex erlag seinen Verletzungen im Krankenhaus.

Nach der Tat flüchtete Schmidt zuerst zu Fuß. Später wurde er bei seiner Flucht von „Kameraden“ unterstützt und fand schließlich in Dillingen Unterschlupf.
Der Täter war offenbar nicht nur mit einem Messer bewaffnet gewesen und hat vermutlich in der Tatnacht auch eine selbstgebaute Schusswaffe mit sich geführt, die er in einen Baggersee bei Dillingen warf, wie von der Polizei in Dillingen mitgeteilt wurde. Am Rand des Gewässers wurde eine Tüte mit acht Schuss Munition gefunden. Taucher suchten in dem See nach der Waffe und fanden nach etwa fünf Stunden einen aus Metallrohren zusammengebauten, länglichen Gegenstand. „Es handelt sich um vier aneinander befestigte 45 Zentimeter lange Metallrohre“, hieß es bei der Polizei.
Nach der Flucht kam die Kriminalpolizei per Handy mit dem Täter in Kontakt, der erklärte sich stellen zu wollen. Was er am Samstagmittag 13 Uhr auch tat. Die Kriminalpolizei war eine Stunde zuvor mit Bild und Personenbeschreibung des flüchtigen Jugendlichen an die Öffentlichkeit gegangen.
Er wurde begleitet von zwei Anwälten dem Haftrichter am Amtsgericht Heidenheim vorgeführt. Der Haftrichter ordnete Untersuchungshaft wegen Totschlags an und der Tatverdächtige verweigerte vorerst die Aussage.
„Wir rechnen den jungen Mann der rechten Szene zu“, verlautbarte nach der Tat ein Polizeisprecher. Es gebe jedoch bisher keinen Hinweis auf einen rechtsextremen Hintergrund für das Tötungsdelikt.

Leonhard Schmidt stammte aus Berlin und war erst wenige Monate vor der Tat nach Baden-Württemberg gezogen. Er hatte in Berlin Anschluss an Neonazi-Kreise gefunden. Daraufhin hatten ihn seine Eltern, die aus dem Raum Heidenheim stammen, im Sommer 2003 in den Kreis geschickt, offenbar in der Hoffnung ihn dadurch von seinem politischen Weg abzubringen. Die beiden Elternteile sind eher linksliberal und engagierten sich in der Friedensbewegung der 1980er Jahre. Der Vater ist Architekt, die Mutter Lehrerin und war in der Giengener SPD aktiv.
Auch im Südwesten fand der junge Mann mit Seitenscheitel Kontakt zu Gleichgesinnten. Dass die Eltern ihren Sohn anfangs bei dessen Onkel in Herbrechtingen unterbrachten, der bei den Kommunalwahlen 1999 für die Republikaner kandidierte, war sicher wenig hilfreich. Nach dem Überfall Anfang Oktober scheint Leonhard Schmidt dann nach Heidenheim gezogen zu sein.
In der Schule an seinem neuen Aufenthaltsort, dem Technischen Gymnasium, soll Schmidt mit seiner Messersammlung geprahlt und mehrfach schwarze oder ausländische Schüler bedroht haben.
Der Täter war bereits vorher aufgefallen, unter anderem weil er mit einer rechten Gruppe, nahe der Diskothek „K2“ einen Punk angegriffen hatte. Dieser Angriff ereignete sich in der Nacht zum 3. Oktober 2003, dem „Tag der Deutschen Einheit“. Der dabei Angegriffene hatte auf dem Nachhauseweg zwei Personen beobachtet, die Parolen wie „Sieg Heil“ oder „Heil Hitler“ gebrüllt hatten. Einer davon war Leonhard Schmidt gewesen. Als der Beobachter die Parolen kritisierte, hätten die beiden Neonazis Verstärkung gerufen. Darauf hin seien mindestens fünf (anderen Angaben nach sogar rund 15) maskierte Personen aus einem angrenzenden Gebüsch gesprungen und hätten auf das Opfer gemeinschaftlich mit Flaschen und Schlagstöcken eingeschlagen. Offensichtlich handelte es sich um einen Hinterhalt. Leonhard Schmidt fügte dabei dem Punk mit einem Schlagstock eine Platzwunde am Kopf zu. Durch den Angriff wurde das 22-jährige Opfer so schwer verletzt, dass es zur ambulanten Behandlung ins Klinikum gebracht werden musste.
Deswegen lief ein Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung gegen ihn.

ERMITTLUNG & PROZESS
Täter von Heidenheim vor Gericht
Nach sieben Monaten Einzelhaft, begann am 13. Juli 2004 vor dem Ellwanger Landgericht der Prozess gegen Leonhard Schmidt, der auf vier Tage angesetzt wurde. Der Täter wurde wegen Totschlags in drei Fällen angeklagt. Schmidt wird von dem Rechtsanwalt Peter Bretzger aus Herbrechtingen vor Gericht vertreten. Der Vorsitzende Richter war Hans-Jochen Neun, der Oberstaatsanwalt war Harald Stephan. Den anwesenden Angehörigen der Opfer standen zwei Anwälte zur Seite, auch um ihnen den Ablauf des Prozesses zu erklären.
Auf Grund von Jugendschutzbestimmungen und aus Sicherheitsgründen fand der Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.
Laut dem Sprecher des Landgerichts, Gerhard Ilg, distanzierte sich der Angeklagte bereits am ersten Prozesstag „von einem früheren, von ihm eingeräumten rechten Hintergrund“. Zudem gab er an, an einem Aussteigerprogramm für Neonazis teilzunehmen.
Danach soll er den Tathergang geschildert und zugegeben haben auf die Opfer eingestochen zu haben. Vor Gericht berief er sich auf Notwehr, weil er sich von seinen späteren Opfern bedroht gefühlt habe. Zudem gab er an am Tatabend stark alkoholisiert gewesen zu sein.
Es wurden 29 Zeug/innen und zwei Sachverständigen vor Gericht angehört.
Der Staatsanwalt Armin Burger wollte keine Tötung aus rassistischen Motiven erkennen, meint aber gleichzeitig ohne den zumindest damals bestehenden „ausländerfeindlichen Hintergrund“ sei das gesamte Tatgeschehen nicht erklärbar. „An der Grenze zum Mord“ sah Staatsanwalt Burger die Tat bei der Verhandlung.
„Die Opfer hatten keine Chance“, kommentierte auch der Ellwanger Oberstaatsanwalt Harald Stephan das Geschehen.
Die 2. Jugendkammer am Landgericht Ellwangen verurteilte Leonhard Schmidt am 16. Juli 2004 wegen Totschlags zu neun Jahren Jugendstrafe. Obwohl die Kammer in ihrem Urteil erwähnte, dass die Tat ohne den ausländerfeindlichen Hintergrund des Angeklagten nicht erklärbar sei, sah sie kein rassistisches Motiv. Die Staatsanwaltschaft sprach auch später noch von einem „Kapitalverbrechen mit rechtsextremem Hintergrund“.
Der Verurteilte verzichtete auf ein Revisionsverfahren und akzeptierte damit das Urteil.

Der Täter wurde nach mehreren Jahren Haft aus der Jugendstrafanstalt in die JVA Tegel in Berlin verlegt. Die Senatsverwaltung für Justiz in Berlin erklärte auf Anfragen der Presse, der mittlerweile 23 Jahre alte Täter habe sich den Angeboten im Jugendgefängnis komplett verweigert.
Innerhalb der JVA Tegel war er in der sozialtherapeutischen Anstalt untergebracht.

REAKTIONEN & ERINNERUNG
Heidenheimer Neonazis hetzten nach den Morden im Forum des neonazistischen Wikingerversandes aus Bayern gegen die „Wodkadeutschen“ und das „Kroppzeugs“. Einer meinte, man sollte dem Täter „ein Trinkgeld geben“.

Nach der Tat blieb die Diskothek „K2“ erst einmal geschlossen und legte auf ihrer Internet-Seite ein Kondolenz-Buch auf.
Der Geschäftsführer der Diskothek, Volker Spellenberg, schilderte zwei Tage nach der Tat die Stimmung in Heidenheim: „Es geht mir wie den meisten Leuten: Diese Tat ist einfach zu schockierend, das begreift hier keiner.“

Am 20. Dezember 2003, dem Abend nach dem Dreifach-Mord, kamen 2-400 Menschen zu einem spontanen Gedenkmarsch und einer Mahnwache in der Innenstadt nach Heidenheim. Es reisten auch antifaschistischen Gruppen aus Stuttgart und Göppingen an.
Gedenk-Demo in Heidenheim
Die Demonstrant/innen zogen in Begleitung der Polizei bei strömenden Regen durch die Fußgängerzone und versammelten sich anschließend am Tatort. Hier wurden Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet.
Blumen am Tatort
Das Heidenheimer Stadtoberhaupt meinte zu der Demonstration, es sei bedauerlich, dass diese Kundgebung von auswärtigen Gruppen für politische Zwecke missbraucht worden sei.

Am Montag, dem 22. Dezember 2003, fand in Heidenheim die zentrale Gedenkveranstaltung statt. Zu der Trauer-Kundgebung unter dem Motto „Eine Stadt trauert“ kamen 1.500 Personen, darunter auch die drei Eltern der Opfer. Sie begann 17 Uhr auf dem Eugen-Jaekle-Platz mit dem gemeinsamen Läuten aller Heidenheimer Kirchenglocken. In der Marienkirche fand später auch eine ökumenische Trauerfeier statt.
Der Oberbürgermeister Bernhard Ilg (CDU) verlas eine Botschaft der Eltern der Opfer, in der es u.a. hieß: „Lasst uns in Ruhe Abschied nehmen von unseren Kindern. Haltet Frieden miteinander. Macht unser Leid durch Zwietracht nicht noch größer“.
In seiner eigenen Rede benannte Ilg nicht das rassistische Weltbild des Täter, sondern sprach davon: „Die Wahrheit ist doch, dass ein Deutscher drei Deutsche umgebracht hat.“ Außerdem warnte er nach dem rechten Mord, die Bevölkerung dürfe sich jetzt nicht „in Linke und Rechte“ spalten lassen. Der Oberbürgermeister spielte nicht nur die extremismustheoretische Karte, er betonte auch die Integration in Heidenheim: „Wir hatten Probleme, aber die Integration ist uns Stück für Stück besser gelungen“.
Warum der Oberbürgermeister im Zusammenhang mit dem rassistisch motivierten Dreifach-Mord glaubt die Integration von Spätaussiedler/innen und anderen Migrant/innen zu betonen, bleibt sein Geheimnis.

Am 23. Dezember 2003 richtete das Bündnis „Antifaschistische Aktion Ulm/Neu-Ulm“ eine Mahnwache am Tatort aus, zu der knapp 300 Menschen kamen.

In der Berichterstattung fanden sich in der lokalen „Heidenheimer Zeitung“ auch Abschnitte, die kein Glanzstück des Journalismus darstellen. So heißt in dem Artikel „Drei Jugendliche sterben durch Messerstiche“ von Silja Kummer in der „Heidenheimer Sonntagszeitung“ vom 21. Dezember 2003:

„Man kann vermuten, dass Alkohol im Spiel war, als die Russen am Freitag Abend durch die Lokale zogen, man kann vermuten, dass es diese Gruppe war, die laut Volker Spellenberg, Geschäftsführer der Diskothek K 2, vor seinem Lokal Passanten anpöbelte und anspuckte – in Relation zur Tat, die gegen 23.30 Uhr geschah, steht das Verhalten der späteren Opfer in keinem Fall.“

Eine pure Mutmaßung über Alkoholeinfluss und eine ethnisierende Fremdbezeichnung der Opfer als „die Russen“. Über Spätaussiedler/innen wird in der Mehrheitsbevölkerung gerne als „die Russen“ gesprochen und nicht selten auch in rassistischer Manier geklagt und geschimpft.
Doch damit nicht genug, die Autorin schreibt am Ende ihres Artikels über die Angriffe von Neonazis auf Punks und Andere:

„Ob die Bandenkriege tatsächlich politisch motiviert waren, oder ob es sich um altersübliche Gruppenauseinandersetzungen handelt, ist unklar. Die drei getöteten Jugendlichen sind einem Gleichaltrigen zum Opfer gefallen, der außergewöhnlich gezielt und brutal vorging.“

Da werden rechte Übergriffe zu „Bandenkriege[n]“ und „altersübliche[n] Gruppenauseinandersetzungen“ umgeschrieben.

Ein Jahr nach der Tat machen sich Hunderte in einem Lichterzug zum Tatort auf, wo im Rahmen einer Mahnwache eine kleine Gedenktafel enthüllt wurde. Sie hatte folgenden nichtssagenden Text:
Gedenktafel Heidenheim

„Heidenheims Jugendliche gedenken
Alexander
Viktor
Waldemar
19.12.2003
Heidenheim sagt NEIN zu Gewalt“

An den Jahrestagen des Dreifachmordes hielt die örtliche Antifa-Gruppe zeitweise eine Gedenken-Veranstaltung am Tatort ab.

Auch im Dezember 2013 gab es eine Gedenk-Demo mit 60-70 TeilnehmerInnen.
Gedenken Heidenheim 2013
OBEN: Flyer für die Gedenk-Demo

Im August 2012 nahm sich der Täter und ehemalige Neonazi Leonard Schmidt im Alter von 26 Jahren in seiner Berliner Wohnung das Leben. Im Sommer 2011 war er nach acht Jahren Haft entlassen worden. Die Motive für den Freitod steckten offenbar auch in dem dreifachen Mord. Seine Eltern gaben an:

„Je mehr Freiheit und Normalität Leonard erleben durfte, umso größer erschien ihm der Widerspruch zu den tragischen Ereignissen in Heidenheim und den damit verbundenen Knasterfahrungen […] Die affekthafte Tötung der jungen Menschen hat er sich nie verziehen. Zunehmend wurde er als ,freier Mensch‘ traumatisch davon eingeholt.“

LITERATUR & QUELLEN
* Artikel-Sammlung als PFD, http://www.gewalt-ohne-mich.com/site/assets/files/1146/zeitungsberichte_ber_die_morde_am_k2.pdf
* Robert Andreasch: Nur drei Tote mehr, in: „Jungle World“, http://jungle-world.com/artikel/2004/02/12090.html