DIE OPFER
Bei der möglicherweise rassistisch motivierten Brandstiftung kamen sieben Menschen ums Leben und 16 wurden verletzt. Viele der Opfer waren Flüchtlinge. Sechs der sieben Opfer waren Frauen, darunter zwei kleine Mädchen und eine schwangere Mutter. Es starben eine 24-jährige Deutsche und deren zweijährige Tochter, eine 27-jährige schwangere Türkin und deren vierjährige Tochter sowie ein 60-jähriger Kroate und seine 55-jährige Ehefrau. Eine 57-jährige Jugoslawin verfehlte das Sprungtuch und stürzte in den Tod. Weitere 16 Bewohner mussten mit Sturz-, Rauch- oder Brandverletzungen in Krankenhäuser gebracht werden. Unter den Opfer befanden sich viele Flüchtlinge. Der Asylpfarrer Werner Baumgarten sprach von, „vom Leben gebeutelte Menschen in einer Bleibe für Pechvögel am Rande der Innenstadt.“ Eine „Entschädigung“ der Überlebenden konnte nie durchgesetzt werden. Der Asylpfarrer Werner Baumgarten: „Der Herzenswunsch der Überlebenden und Davongekommenen nach öffentlicher Entschädigung ist nie erfüllt worden“

Heute sind die Identitäten der Überlebenden nicht mehr bekannt.

DIE TAT
Am 16. März 1994 brannte das um 1900 oder 1908 erbaute fünfstöckige Haus Geißstraße 7 in der Stuttgarter Altstadt. Der Brand war die größte Katastrophe in Stuttgart seit dem Zweiten Weltkrieg. Es kamen sieben Menschen ums Leben, 16 weitere wurden verletzt.
Geissstraßen-Brand
BILD: Foto „Stuttgarter Nachrichten“, 2014
In dem Haus lebten 50 Menschen mit zum Teil dubiosen Mitverträgen. Mieter/innen waren vor allem Ausländer/innen, ein Teil davon ohne sicheren Aufenrechtshaltsstatus („illegal“).
Ein psychisch Kranker hatte in der Tatnacht Feuer im hölzernen Treppenhaus gelegt. Die Feuerwehr traf 3.36 Uhr ein. „Das ganze Treppenhaus brannte wie eine Fackel […] an den Fenstersimsen hingen Leute, die um Hilfe schrien“, so später ein Retter. Sechs Menschen starben direkt durch den Brand und eine Frau sprang neben ein aufgespanntes Sprungkissen, wodurch sie starb. Weitere 16 Menschen wurden mit Drehleitern und Sprungkissen teils schwer verletzt gerettet.
Brandruine Geissstraße
BILD: Foto „Stuttgarter Nachrichten“, 2014

ERMITTLUNG & PROZESS
Am 30. Juni 1995 wurde ein 25-jähriger Deutscher bei einer rassistisch motivierten Brandlegung in Esslingen festgenommen, der auch die Tat in Stuttgart gesteht. Laut Medien handelte es sich um einen psychisch kranken Einzelgänger, der durch rechte Äußerungen auffiel.
Am 23. Mai 1996 wurde der inzwischen 26-jährige Täter vom Landgericht Stuttgart trotz Widerrufs zweier Geständnisse wegen siebenfachen Mordes und 86 Versuchen zu 15 Jahre Freiheitsstrafe und anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt. Er saß in der Vollzuganstalt Bruchsal oder Rastatt in Strafhaft.
Inzwischen soll der Täter seine Freiheitsstrafe verbüßt haben und soll mittlerweile wieder frei sein.

Ein rassistischer Hintergrund der Brandstiftung kann bis heute nicht ausgeschlossen werden. Zwar zählte der Täter damals nicht nachweisbar zur organisierten rechten Szene, aber man konnte bei dem „Feuerteufel“ wohl eine wirre Sympathie zu rechten Denkweisen erkennen.
Auch der Inlandsgeheimdienst „Bundesverfassungsschutz“ erwähnte die Tat 1996 in der Kategorie „Rechtsextremismus“:

In Esslingen (Baden-Württemberg) nahm die Polizei am 30. Juni einen 25jährigen Arbeitslosen fest, der verdächtig ist, seit 1986 zahlreiche Brandanschläge im Raum Baden-Württemberg verübt zu haben. Nach seinem Geständnis hat er von April bis Juni in Esslingen vier Brandanschläge aus Haß gegen Ausländer verübt. Diese Haßgefühle hätten sich bei ihm Mitte 1994 entwickelt, als er von ausländischen Staatsangehörigen überfallen und beraubt worden sei. Die ihm vor diesem Zeitpunkt zur Last gelegten Taten, darunter ein am 16. März 1994 in Stuttgart verübter Brandanschlag auf ein von zahlreichen Ausländern bewohntes fünfstöckiges Wohn- und Geschäftshaus, bei dem sieben Menschen ums Leben kamen und weitere 16 verletzt wurden, soll er dagegen aufgrund eines pyromanischen Triebs begangen haben. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart erhob im Januar 1996 beim Landgericht Stuttgart Anklage u. a. wegen Mordes und versuchten Mordes.

Zusätzlich gab es noch einen weiteren Prozess gegen den Pächter und seinen Unterpächter, die für die katastrophale Lage im Haus in der Geißstraße verantwortlich waren. Die Angeklagten kamen 1997 mit geringen Geldstrafen davon. Die Ermittlungen gegen die Brauerei, die nach Ansicht der Angeklagten durch horrende Pachtforderungen die Hauptschuld tragen müsste, wurden sogar eingestellt.

REAKTIONEN & ERINNERUNG
Im Juni 1994 wurde die Stiftung Geißstraße 7 gegründet, die an den Brand erinnern soll. Die Stiftung hat ihren Sitz in dem renovierten Haus in der Geißstraße 7.

Gedenktafel Geißstraße 7
Am Tatort findet sich eine Gedenktafel mit der Aufschrift:

Dieses Haus wurde am 16. März 1994 durch
einen Brandanschlag zerstört.
Sieben Menschen starben in den Flammen.
Die Stiftung Geißstraße 7 hat dieses Haus
wiederaufgebaut und arbeitet dafür, dass
unterschiedliche Lebensstile
und Nationalitäten zusammenfinden.

Am 16. März 2014 jährte sich der Brand zum 20. Mal. Es gab eine kleine Gedenkveranstaltung.
Gedenken 20. Jahrestag Geissstraßen-Brand

Auch die Presse berichtete:
Geissstraßen-Brand in


LITERATUR & QUELLEN

* Wolfgang Schulz-Braunschmidt: Brandkatastrophe in der Geißstraße 1994, http://www.von-zeit-zu-zeit.de/index.php?template=thema&theme_id=176