DAS OPFER
Das Opfer war der 17-jährige Martin Katschker aus Konstanz. Er arbeitete als Tankstellen-Lehrling in Kreuzlingen in der Schweiz.
Katschker, Martin
Martin Katschker (Screenshot Spiegel 37-1970)

DIE TAT

Am 29. August 1970 wurde in Konstanz auf dem Blätzleplatz in der Hertiepassage Martin Katschker von Hans Obser mit einem Schussapparat tödlich verwundet.
Der Täter betrank sich am 29. August mit sechs Glas Rotwein – insgesamt etwa einen Liter – in der Gaststätte „Eintracht“ in Kreuzlingen, wo er vergeblich darauf wartete, von seinem zehnjährigen Sohn Helmut abgeholt zu werden. Vor Gericht gestand er ein, er habe sich damals „Mut angetrunken“.
Dann ging Obser gegen 18 Uhr nach Hause. Unterwegs schimpfte er mit einem Bekannten über die ‚Gammler‘: Er würde, wenn er den Auftrag hätte, für Ruhe und Ordnung sorgen. Mit Gleichgesinnten würde er den Platz säubern.
Zu Hause traf der angetrunkene Obser auf seinen Sohn, verließ dann aber seine Wohnung in der Innenstadt wieder und begab sich zum nahe gelegenen Blätzleplatz, der als „Hippie-Treffpunkt“ bekannt war. Gegenüber seinem Sohn äußerte er, dass er nun vorhabe „auf dem Hertie-Parkplatz auf[zu]räumen“. Es war noch hell als Obser losging. Anfangs verjagte Obser andere Jugendliche durch seine Drohungen vom Platz. Dann sah er drei junge Leute auf der Rückenlehne einer Bank sitzen: Roland Jäger (16), Erich Treppschuh (??) und Martin Katschker (17). Er ging zu ihnen hin und forderte sie auf ihre ‚dreckigen Füße‘ von der Bank zu nehmen. Als die derart Angefahrenen ihn fragten, ob er von der Kripo oder von der Bürgerwehr sei, sagte er: „Ich bin eine Bürgerwehr für mich allein.“ Dann holte er den „Hasentöter“, ein 25 cm langes Bolzenschußgerät aus der Schweiz mit dem Obser sonst Kaninchen tötete, aus der Tasche und hielt ihn Martin Katschker gegen die Brust.
Hasentoeter
Dabei rief er: „Verschwindet, ich zähle bis drei, sonst knallt’s!“ Der Bolzen löst sich und verwundete das Opfer tödlich. Sein kleiner Sohn kam vorher dazu, versuchte zu schlichten und fragte ihn: „Vater, was machst Du da?“ Später wird Obser behaupten sein Sohn habe den Schuss ausgelöst, weil er ihn weggezogen habe.
Etwa 30 Minuten nach der Tat verstarb das Opfer im Krankenhaus.
Unmittelbar nach der Tat wurde der Täter von etwa zwei Dutzend aufgebrachten Jugendlichen überwältigt und verprügelt, u.a. wurde ihm das Nasenbein gebrochen. Deswegen kam auch Obser erst einmal ins Krankenhaus und war erst am Sonntag haftfähig.
Der Täter hielt sein Opfer zwar für einen ‚Gammler‘, Katschker war aber keiner.

Hans Obser
Hans Obser (Screenshot Spiegel 37-1970)
Täter war der 38-jährige Druckerei-Hilfsarbeiter Hans-Emil Obser, der selber nicht zum Konstanzer Bürgertum gezählt werden kann. Er war eher ein Arbeiter mit (spieß-)bürgerlichen Ansichten. Ein Artikel in „Die Zeit“ porträtiert ihn wie folgt:

Er ist verheiratet, hat zwei Kinder, die jetzt zehn und zwölf Jahre alt sind; zuletzt verdiente er in der Stereotypie einer Druckerei 800 Mark netto. […] Obser, der gelernte Schuster, arbeitete zehn Jahre als Hilfsmaurer und ging dann, als ihm die Bandscheiben zu schaffen machten, zunächst als Matrose und dann als Kassierer zur Bodenseefähre. Als wegen des feuchten Klimas die linke Niere versagte, beschäftigte man ihn bei den städtischen Omnibusbetrieben. Dort wurde er 1967, nach zweimaliger Verwarnung, wegen Trunksucht entlassen. Obser ist, wie der psychiatrische Gutachter feststellte, ein Gewohnheitstrinker. Im Juni 1964 verurteilte ihn das Amtsgericht Konstanz wegen Trunkenheit am Steuer und Widerstand gegen die Staatsgewalt zu zwei Wochen Haft. Mit über zwei Promille Blutalkohol war er abends mit unbeleuchtetem Wagen durch Konstanz gefahren. Als zwei junge Polizeibeamte ihn festnehmen wollten, schlug er auf sie ein und schrie, was er heute bestreitet, was aber das rechtskräftige Urteil festhält: „So etwas wie euch hätte Hitler im Dritten Reich vergast.“ Trotz einer Magenresektion, die ihm nur ein Drittel dieses Organs belassen hat, trinkt er täglich Bier und Wein, durchschnittlich einen Liter Wein pro Tag. „Wenn ich ein gewisses Quantum getrunken habe, kann es sein, daß der Vorhang fällt.“ In seiner Freizeit kümmert er sich um „meine Hasen und meinen Garten“. Politik? „Nein.“ Zeitungen? „Nein. Da finde ich nichts Interessantes drin. Was stimmt, sind Todesanzeigen und Annoncen.“ Konstanzer Ereignisse erfährt man von Kollegen. […] Hans Obser ist ein Mensch der mittleren Generation, aber seine Vorstellungen darüber, wie es in dieser Welt zugehen soll, sind die der älteren Generation; sie hat ihn geprägt, und von ihr hat er Zustimmung erfahren bis in den Gerichtssaal hinein.[…] Fleiß und Arbeitsfreude sind Eigenschaften, die er sich zugute hält. Auf dem Platz vor seiner Wohnung hätten sich Leute nur herumgetrieben, die „jedenfalls keine Arbeiter“ waren. „Ich bin einer von der anderen Sorte, ich habe keine Zeit, ständig auf dem Platz herumzusitzen.“ Aber in Wirklichkeit war er oft krank geschrieben und verbrachte seine Zeit zu Hause mit Trinken und Fernsehen. Wahrscheinlich, daß er seinen Selbsthaß auf jene projizierte, die sich die Freiheit herausnahmen, ein Leben zu führen, das er als Verhöhnung seiner Wertvorstellungen empfand. Zum Zeitpunkt der Tat war er wiederum krank geschrieben und saß zu Hause. Er hatte Zeit, sich aufzuregen über jene, die ebenfalls nicht arbeiteten. Vorurteile sind die Stützen der Zivilisation.“

Dieser Mord hatte eine längere Vorgeschichte, die eine ausführlichere Darstellung braucht. Denn der Mord geschah, nachdem der damalige Bürgermeister von Konstanz, die regionale Tageszeitung „Südkurier“ und die NPD-Stadtratsfraktion wochenlang gegen als ‚Gammler‘, ‚Langhaarige‘ und ‚Asoziale‘ bezeichnete Jugendliche und Hippies gehetzt hatten. Besonders in der Provinz herrschte damals und herrscht in Teilen immer noch eine konservative Hegemonie, die Abweichungen von der Norm nicht toleriert. Diese Vorbehalte gegen ‚Langhaarige‘ und ‚Gammler‘ kochten damals im Bürgertum hoch und die überbordende Suppe an Vorurteilen schwappte über und endete in einem Mord.
Im Vorwort der Dokumentation „Ein ‚Gammler‘ wurde getötet“ schrieb Hannes Hof:

Was sind nun eigentlich die Gründe dafür, daß viele Leute die Gammler als Provokation empfinden?
Vordergründig sind es sicher sind es sicher gewisse äußere Merkmale im Gammlerhabitus, aber der eigentliche Grund ist wohl ihr Lebenstil im ganzen: Gammler „lungern herum“, verschmähen also Arbeit und Leistung, die in unserer Gesellschaft höchste Werte darstellen; ihren Lebensunterhalt sichern sie sich nicht durch die Ausübung einer geregelten Beschäftigung, sondern durch Betteln; sie beteiligten sich nicht am Konsum; sie legen keinen Wert auf Sauberkeit; sie leben ganz in der Öffentlichkeit – treffen sich, unterhalten sich, essen, schlafen und betätigen sich zuweilen auch sexuell auf Straßen, „draußen“ andere Verhaltensmaßstäbe gelten als „drinnen“.

In Konstanz gab es 1970 einen lokalen Diskurs über ‚Gammler‘ und renitente Jugendliche, die in großen Teilen des Bürgertums zu Feindbildern erklärt wurden. Seinen konkreten Ausgangspunkt hatte dieser sozialchauvinistische Diskurs in einem zweitägigen Popkonzert, was am 18. und 19. Juli 1970 im Stadthaus „Konzil“ in Konstanz mit mehreren hundert Jugendlichen als Besucher/innen stattgefunden hatte. Daraufhin hatten sich wütende Bürger/innen beschwert.
Walter Eyermann
Walter Eyermann (Screenshot Spiegel 37-1970)
Am 20. Juli 1970 wollte der Konstanzer NPD-Stadtrat Walter Eyermann (* 1925) in einer Gemeinderatssitzung wissen, „ob die Verwaltung bereit ist, den Gammlern das Konzil für weitere Veranstaltungen dieser Art zu sperren“. Er nannte sie auch „Arbeitsscheues und asoziales Gesindel.“ Die NPD nutzte damals übrigens selber gerne das Konzil als Veranstaltungs-Lokalität. So hatte Walther Eyermann 1970 zusammen mit dem damaligen NPD-Vorsitzenden Adolf von Thadden den NPD-Landesparteitag im Konstanzer Konzil eröffnet. Weiter stellte Eyermann in der Sitzung an den damaligen Oberbürgermeister Dr. Bruno Helmle (CDU) die Frage, „welche Maßnahmen die Stadt durchführen will, um den Stadtgarten von diesen Figuren zu räumen“. Eyermann bot in dieser Sitzung selbst an, eine Art Bürgerwehr zu organisieren und die Stadt von den ‚Gammlern‘ zu befreien. Also eine Säuberungsaktion, „zu der ich mit Sicherheit mehr als vierzig Bürger dieser Stadt finde, die sich daran beteiligen“. Helmle erwiderte darauf zu diesem Vorschlag des NPD-Mitglieds Eyermann: „Wenn Sie das machen, Herr Eyermann, bin ich einverstanden“. Oberbürgermeister Helmle bestritt später, Eyermann gegenüber diese Zusage gemacht zu haben. Er ließ sogar das Protokoll der Sitzung vom 20. Juli 1970 nachträglich ändern. Allerdings bestätigte Eyermann in einer Pressemitteilung an den „Südkurier“ vom 31. Juli 1970 die in der Sitzung gefallenen Sätze: „Spontan hat der OB zum Ausdruck gebracht, daß er einverstanden wäre, wenn ich das täte.“ Gesagt habe er sie aber nur, um die Verwaltung unter Druck zu setzen, „die Stadt von den Gammlern zu befreien“.
Der damalige SPD-Stadtrat und DGB-Stadtsekretär Erwin Reisacher kritisierte die Forderung des OB in einem Rundschreiben vom 28. Juli 1970: „Diese Formulierung (des Oberbürgermeisters) kann nicht anders denn als Aufforderung zur Bildung einer Bürgerwehr mit Lynchjustiz verstanden werden. An sich ist dies schon eine ungesetzliche Einrichtung, in den Händen des Führers der NPD (Eyermann) wird sie zu einem unerträglichen und gefährlichen Instrument“.
Der „Schwarzwälder Bote“ schrieb daraufhin, dass der DGB-Chef habe „in dramatischer Weise“ ein „Schreckgespenst“ an die Wand gemalt habe. Unbekannte deckten Gewerkschafter „mit einer Flut von telephonischen und schriftlichen Beschimpfungen“ (Reisacher) ein. Eine unbekannte Person schrieb sogar, sie habe um Beistand gegen die ‚Gammler‘ gebetet: „Herrgott, befreie uns von dieser Pestbeule, wenn Du es nicht kannst, schicke uns Hitler!“
Als für den 8. und 9. August ein weiteres Konzert angekündigt wurde, entwickelte sich dagegen ein starker Protest im Konstanzer Bürgertum. Nachdem die Stadtverwaltung dafür anfangs noch das Bodensee-Stadion zur Verfügung gestellt hatte, machte Oberbürgermeister Helmle dann einen Rückzieher. Auch die CDU-Fraktion im Stadtrat hatte bereits einen Antrag in diese Richtung gestellt. Nun musste das Konzert auf dem Festplatz in Klein-Venedig stattfinden.
Der NPDler Eyermann ließ unmittelbar vor dem Festival, vom 7. auf den 8. August 1970, in Konstanz 15.000 Flugblätter mit der Überschrift „Wird der DGB SCHUTZPATRON DER GAMMLER?“, die sich gegen den Konstanzer DGB-Vorsitzenden richteten, verteilen. In dem Text wird der Konstanzer DGB-Vorsitzende Erwin Reisacher angegriffen und ihm vorgeworfen eine „Gammler-Schutztruppe“ zu planen und nur „Schreckgespenster“ an die Wand zu malen.
Trotzdem fand am 8. und 9. August 1970 das Open-Air-Festival statt, wenn auch wegen Regens mit 7-8.000 statt der 10.000 erwarteten Besucher/innen.
Nach dem Festival blieben einige Jugendliche in der Stadt und nächtigten am Blätzleplatz oder im Konstanzer Stadtgarten. In den folgenden Tagen baute sich eine Stimmung gegen die ‚Gammler‘ auf.
Am 27. August 1970 ’säuberten‘ Polizisten mit Hilfe von Mitarbeiter/innen der Stadtwerke den Blätzle-Platz (Südkurier, 28. August 1970: „Mit einem Wasserstrahl gegen langhaarige Hippies“) von ‚Gammlern‘.
Zwei Tage später geschah der Mord.

DER PROZESS
Nach 19 Monaten, vom 14. bis zum 20. März 1972, fand vor dem Schwurgericht beim Landgericht Konstanz der Strafprozess gegen den jetzt 39-jährigen Hans Obser statt. Bis dahin hatte Obser überwiegend in Untersuchungshaft gesessen, wurde aber Ende des Jahres 1971 sogar vorübergehend auf freien Fuß gesetzt. Auf einen Einspruch des Oberlandesgerichts Karlsruhe hin wurde die Haftverschonung wieder rückgängig gemacht.
Der Prozess dauert fünf Verhandlungstage. Obser war angeklagt wegen vorsätzlichen Mordes.
Im Prozess kam die Ausgangslage in Konstanz nicht zur Sprache, alle betonten, dass es sich um die Tat eines Einzelgängers handle. Der Zeit-Autor Werner Birkenmaier merkt dazu kritisch an:

Der 39jährige Obser ist so sehr ein Einzelgänger und so unpolitisch, wie Josef Bachmann, der auf Rudi Dutschke geschossen hat, und – vielleicht – wie Ekkehard Weil, der auf einen sowjetischen Wachtposten am Berliner Ehrenmal feuerte. […] Die Konstanzer Bürgerschaft hatte an der Jugend einiges auszusetzen, und Hans Obser, der kein Bürger war, aber gern einer wäre, handelte in einer Art Geschäftsführung ohne Auftrag für sie. Er tat, was andere androhten zu tun […]. Jene, die von Gewaltanwendung redeten, können sich nicht freisprechen mit dem Hinweis darauf, die Verantwortung treffe den einzelnen, der sie beim Wort genommen habe.

Der Angeklagte erklärte vor Gericht weder angestiftet, noch von der Stimmung gegen ‚Gammler‘ beeinflusst gewesen zu sein. Er sei völlig unpolitisch und lese keine Zeitung. Auch den Mord selbst beschrieb er als eine Art von Unfall, der durch seinen zehnjährigen Sohn ausgelöst wurde, der ihn am Ärmel gezogen hätte.
Vor Gericht durfte die 71-jährige Zeugin Maria Köll ungerügt verkünden: „Er hat eben den Falschen erwischt“. Sie sei oft zum Oberbürgermeister gegangen, um sich über die ‚Gammler‘ zu beschweren. Wenn Obser nicht gehandelt hätte, wäre sie selber auf die ‚Gammler‘ losgegangen. Daraufhin erhob sich der Angeklagte und „dankte dieser Frau, daß sie als einzige zu mir steht“. Ein Kommentar in der „Stuttgarter Zeitung“ dazu: „Die Zeugin, die auf ihre Aussage vereidigt wurde, ließ indirekt damit erkennen, daß ihr Ordnung mehr bedeutet als ein Menschenleben – trauriger Nachhall deutscher Tradition.“
Ein Sachverständiger attestierte Obser einen Blutalkoholwert von 2,33 Promille.
Das Gericht verurteilte Obser am 20. März 1972 wegen fahrlässiger Tötung und Nötigung unter Zubilligung verminderter Zurechnungsfähigkeit zu einer dreijährigen Freiheitsstrafe ohne Bewährung. Der Staatsanwalt hatte viereinhalb Jahre Freiheitsentzug beantragt.
Von Staatsanwaltschaft als auch von der Verteidigung wurde gegen das Urteil Revision eingelegt.
Viele Kommentare kritisierten das Urteil als zu mild. Werner Birkenmaier von der „Stuttgarter Zeitung“ schrieb damals dazu:

Die Konstanzer Justiz hat H. Obser freundlich behandelt […] Linker Umtriebe Verdächtige müssen zur Zeit geringerer Delikte wegen ebenso lange oder länger als Obser in der Zelle auf ihren Prozess warten. Auch muss die Frage gestellt werden, ob Obser mit ebenso viel richterlicher Milde hätte rechnen können, wenn er nicht zu denen gehörte, die für die Ordnung eintreten […] Es wäre jedenfalls verhängnisvoll, wenn die Gerichte in die Praxis zurückfielen, nach links hart und nach rechts milde zu sein.


REAKTIONEN & ERINNERUNG

Protest 1970
Ein Tag nach der Tat, am 30. August, verteilten Studierende ein Flugblatt des ASTAs der Ingenieurschule vor den Konstanzer Kirchen, um über den Mord zu informieren. In dem Flugblatt hieß es wütend anklagend:

Konstanzer Bürger, dieser Mord war nicht die Tat eines Einzelnen, diesen Mord hat jeder von Euch begangen. So wie ihr geduldet habt, daß friedliche Jugendliche allein ihres Aussehens wegen gemeinen Belästigungen und unwürdiger Behandlung ausgeliefert waren, so war dieser bestialische Mord die konsequente Folge Eures Denkens.

und weiter: „eure gleichgültigkeit ermöglichte diesen mord!!!! [sic]“.
Am 1. September 1970 richtete die Lutherkirche eine „Stunde der Besinnung“ aus. Der Dekan Martin Achtnich erklärte u.a.: „Ein junger Mensch ist getötet worden. Das hat Betroffenheit und Erschütterung ausgelöst.“
Der SPD-Ortsverein Konstanz erklärte:

Mitverantwortlich für diese Atmosphäre und damit für den Tod des jungen Martin Katschker ist, wer wie der NPD-Stadtverordnete Eyermann durch Propagierung widerrechtlicher Selbsthilfe den geistigen Boden für Intoleranz und Gewalttätigkeit schafft.[sic!] Mitverantwortlich sind aber auch alle diejenigen, die diese permanente Hetze gegen die Jugend falsch einschätzten und verharmlosten.

In einer gemeinsamen Erklärung des kommissarischen AStA der Universität Konstanz, der Evangelischen Studentengemeinde, der JuSos und der Katholischen Universitätsgemeinde hieß es: „Wir verurteilen diesen Mord und diejenigen, die durch ihr Verhalten die Atmosphäre geschaffen haben, in der allein diese Tat verübt werden konnte.“
Platz des Antifaschismus, Konstanz
umbenannter Platz

Der Mord ging in die Lokalgeschichte als „Konstanzer Gammlermord“ und „Konstanzer Hippie-Mord“ ein. Am 31. August 1970 titelte die „Südwestpresse“: „Lehrling auf Hippieplatz erschossen“ und schrieb u.a.: „Die Tat ist der vorläufige Höhepunkt einer seit Wochen anhaltenden Spannung unter der Konstanzer Bevölkerung gegenüber Gammlern und Hippies, die sich in der Bodenseestadt in zunehmenden Maße eingefunden hatten.“ So bekam der/die Leser/in den Eindruck, es gäbe so etwas wie einen beiderseitigen Konflikt und nicht die Anfeindung einer kleinen Minderheit durch die bürgerliche Mehrheit.

Auch der Oberbürgermeister Helmle äußerte sich nach der Tat. In einer Stellungsnahme von ihm heißt es:

Gewalt in jeder Form muß abgelehnt werden, von welcher Seite auch immer sie kommt. Diese Tat ist und bleibt verwerflich. Wir leben in einem Rechtsstaat und Gewaltanwendung muß verurteilt werden. Von einer Pogromstimmung in Konstanz kann keine Rede sein. Diese wird allenfalls künstlich erzeugt und wachgehalten durch demagogische Erklärungen einer Minderheit. […] Die Stadt hat ihre Toleranz gegenüber der friedlichen Jugend mehrfach bewiesen. Dies wurde von Bürgern der älteren Generation gelegentlich kritisiert. Andererseits habe ich die Pflicht, für die Aufrechterhaltung der Ordnung, Sicherheit und Sauberkeit zu sorgen. Leider mischen sich einzelne ungute Elemente immer wieder unter diejenigen Jugendlichen, die unsere Sympathie besitzen. […] Zu der Behauptung, ich hätte die Ordnungsgewalt an die NPD abgegeben, erkläre ich: Das ist unwahr und üble Brunnenvergiftung.

Nach der Tat distanzierte sich Eyermann offiziell von dem Mord und behauptete: „Dieses Mal“ hätten Partei-Gegner/innen „am falschen Platz versucht, der NPD einen Mord anzulasten“. Er wollte in dem Mord lediglich die „Handlung eines Einzelgängers ohne jeden politischen Hintergrund“ sehen.
Trotzdem war Eyermann Obsers Methoden nicht generell abgeneigt. Zwei Tage nach der Tat spielte er vor Konstanzer JournalistInnen auf einen Rocker, der neben Martin Katschker gesessen hatte, an und tadelte den Schützen Obser mit den Worten: „Wenn er besser gezielt hätte, hätte er den Richtigen erwischt.“
Eyermann zeigte auch DGB und DKP an, weil diese ihn für die Tat mitverantwortlich machten. Daraufhin konterten diese mit einer Gegenanzeige. Alle drei Verfahren wurden von der Staatsanwaltschaft Konstanz eingestellt. Begründung: DGB und DKP hätten Eyermann nicht im juristischen, sondern im moralischen Sinn als Anstifter zum Totschlag oder Mordanstifter bezeichnet.

Am 3. September 1970 fand auf dem Blätzleplatz eine Gedenk-Kundgebung statt, an der etwa 1.000 Jugendliche und Bürger/innen teilnahmen. Es sprachen ein Studentenpfarrer, ein Studenten-Sprecher und Reisacher.

Wie erst vor ein paar Jahren bekannt wurde, hatte der Bruno Helmle (1911-1996), Konstanzer Oberbürgermeister 1959-80, eine NS-belastete Vergangenheit. Ein Konstanzer Stadtarchivar legte 2010 offen, dass Helmle beim Konstanzer Finanzamt mit der ‚Arisierung‘ jüdischen Vermögens („Verwaltung des jüdischen und reichsfeindlichen Vermögens“) befasst gewesen war. Zudem war Helmle seit 1937 NSDAP-Mitglied gewesen.
Auch Walter Eyermann konnte auf eine braune Vergangenheit zurückblicken. Er war Träger des goldenen HJ-Abzeichens und trat 1939 als jüngster Konstanzer der NSDAP bei.
Nach Kriegsende trat er 1950 in die, damals in Teilen sehr rechtslastige, FDP ein. Später wurde er dann NPD-Mitglied und als solches auch Konstanzer Stadtverordneter. Für den Scharfmacher Eyermann blieb seine Hetze folgenlos. Im Gegenteil, er wirkte weiter als Kommunalpolitiker in Konstanz. Nach dem Niedergang der NPD war er Anfang der 1970er Jahre Mitbegründer der „Bürgergemeinschaft Konstanz“ (BGK), für die er dann als einziger in den Gemeinderat gewählt wurde. Zu den Gemeinderatswahlen 1980 erhielt Eyermann die mit Abstand meisten Stimmen aller Bewerber/innen. Außerdem war er langjähriger Geschäftsführer des Haus- und Grundeigentümervereins und stellvertretender Vorsitzender des gleichnamigen Landesverbandes. Zum Thema „Der Kampf der Hausbesitzer“ hat er offenbar auch ein Buch im Konstanzer Stadler-Verlag herausgebracht. In der Buch-Bewerbung vom Autor heißt es : „In der Hausbesitzer-Organisation war eine meiner Funktionen die des stellv. Landesvorsitzenden der badischen Hausbesitzer-Organisation. Heute bin ich Ehrenmitglied von Haus & Grund Baden.“
Eyermann lebt auch heute noch in Konstanz, auch wenn er nicht mehr politisch aktiv zu sein scheint.

LITERATUR & QUELLEN
* Jeder von euch, 07.09.1970, in: DER SPIEGEL 37/1970, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43836536.html
* Werner Birkenmaier: Der Kleinbürger in Hans Obser, in: DIE ZEIT Nr. 13 – 31. März 1972 – Seite 60, http://www.zeit.de/1972/13/der-kleinbuerger-in-hans-obser
* Hannes Hof: Ein „Gammler“ wurde getötet. Die Vorgänge in Konstanz, Dokumentationen und Modelle für Politikunterricht und Gesellschaftskunde, ? Auflage 1973
* Wak: War Konstanzer Alt-OB Bruno Helmle Mitläufer oder Nazi?, 10.12.2010, http://see-online.info/war-konstanzer-alt-ob-bruno-helme-mitlaeufer-oder-nazi/
* Holger Reile, Konstanz: Der Konstanzer »Gammlermord«, „Neues Deutschland“, 04.06.2011, http://www.neues-deutschland.de/artikel/199093.der-konstanzer-gammlermord.html
* Holger Reile: August 1970: Der Mord an Martin Katschker, Seemoz, 10. August 2011, http://www.seemoz.de/lokal_regional/august-1970-der-mord-an-martin-katschker/