DAS OPFER
Das Opfer war die Polizistin Michèle Kiesewetter. Kiesewetter wurde am 10. Oktober 1984 in Neuhaus in Thüringen geboren und wuchs in Oberweißbach auf. Sie begann am 1. März 2003 als 19-Jährige eine Polizei-Ausbildung in Baden-Württemberg. Nach ihrer Versetzung zu einer BFE-Einheit in Böblingen zog sie 2005 nach Nufringen, wo sie mit einer Freundin zusammen in einer WG lebte.
KIesewetter privat

DIE TAT
Am 25. April 2007 wurde in Heilbronn die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen und ihr 24-jähriger Kollege Martin A. wurde schwer verletzt. Täter waren vermutlich die beiden seit 1998 untergetauchten Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Bönhardt, die zuletzt in Zwickau beheimatet waren.
NSU-Trio Fahndungsplakat
Während einer Vesper-Pause der beiden Beamten auf der Theresienwiese schlichen sich die Täter an den Streifenwagen heran und schossen der jungen Frau und ihrem Kollegen von hinten in den Kopf.
Kiesewetter war „im Rahmen des sogenannten Konzeptionseinsatzes ›Sichere City‹ zusammen mit weiteren Kollegen der Bereitschaftspolizei in Heilbronn (eingeteilt). Es gab keinen konkreten Auftrag für die Beamten, die ab 13.00 Uhr auf Streife gewesen sind. Sie sollten in der Heilbronner Innenstadt polizeiliche Präsenz zeigen und Kontrollen von verdächtigen Personen und Fahrzeugen durchführen.“ (Polizei Heilbronn)

Für den Mord hatte Böhnhardt offenbar unter falschem Namen ein Chemnitzer Wohnmobil mit dem Kennzeichen C-PW 87 auf den Tarnnamen Holger G. für den 16. April bis 27. April 2007 angemietet und fuhr damit von Zwickau nach Heilbronn. Das Wohnmobil, mit dem die Täter flüchteten, wurde am Tattag um 14.37 Uhr bei Oberstenfeld registriert. Eine Spur, die die zuständige Sonderkommission seinerzeit nicht verfolgt, obwohl ein Zeuge tags zuvor ein Wohnmobil am späteren Tatort bemerkt hatte.

Aussagen von Zeug/innen weisen auf mehr Tatbeteiligte als Bönhardt und Mundlos hin. Eine Zeugin hatte zum Beispiel ausgesagt, der blutverschmierte Mann sei in ein Auto gestiegen, in dem ein Pärchen gewartet habe. Untersuchungen gehen teilweise von vier bis sechs Tätern in Heilbronn aus. Teilweise ist von Hohenloher Neonazis als Mittäter/innen oder Mitwisser/innen bei dem Polizistinnenmord ist die Rede.

DER PROZESS
Derzeit findet in München der Prozess u.a. gegen Beate Zschäpe statt, der auch im Fall Kiesewetter eine Mittäterschaft vorgeworfen wird.

REAKTIONEN & ERINNERUNG
Als Reaktion auf den Mord und den versuchten Mord an zwei Angehörigen der Polizei, setzte eine umfangreiche Fahndung ein. Die Ermittlungen führten aber nie zur Neonazi-Szene. Stattdessen wurden grundlos Angehörige der Minderheit der Sinti und Roma verdächtigt. In rassistischer Manier war die Sprache von einer „heiße[n] Spur ins Zigeunermilieu“.
Erst nach dem mutmaßlichen Doppel-Selbstmord von Uwe Mundlos und Uwe Bönhardt bei Eisenach am 4. November 2011 erfuhr die Öffentlichkeit von der Existenz eines rechtsterroristischen Netzwerks mit dem Namen „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Die entwendeten Dienstwaffen von Kiesewetter und A. wurden bei den drei Untergetauchten NSU-Kernmitgliedern Bönhardt, Mundlos und Zschäpe ebenso gefunden wie die Tatwaffe.

Das Motiv der Mörder bleibt bis heute unklar. Die Staatsanwaltschaft in München geht davon aus, dass Bönhardt und Mundlos in den Besitz einer Polizeiwaffe gelangen wollten. Der Bekenner-Videoclip auf dem Computer, der in den Überresten der Zwickauer Wohnung gefunden wurde, war tatsächlich als „aktion polizeipistole“ gespeichert.

Es gibt die These, dass in Kieswetters Biografie die Spur zum Mordmotiv zu finden ist. Ursprünglich stammt Kiesewetter aus Thüringen, aus der Nähe von Saalfeld, einem der Umtriebsorte des „Thüringer Heimatschutzes“, dem der NSU entstammte. Kiesewetters Onkel arbeitet als Kriminalpolizist in Saalfeld und war vor Jahren beim Staatsschutz beschäftigt.
Kiesewetter wohnte selbst 2000 bis 2003 in der Nähe einer Gaststätte in Oberweißbach, deren Online-Präsenz vom NSU-Unterstützter Ralf Wohlleben eingerichtet wurde und die als rechter Szene-Treff bekannt ist. Mundlos hielt sich nachweislich 2005 in Oberweißbach auf. Kiesewetters Stiefvater soll ursprünglich versucht haben diese Gaststätte zu pachten.
Kiesewetter sprach am Vortrag vor ihrer Ermordung angeblich in Oberweißbach von ihrer Sonderschicht. Laut Medien weisen neue Erkenntnisse darauf hin, dass die beiden Uwes und evtl. auch Zschäpe mit einem Mietwagen von Zwickau nach Heilbronn gefahren sind, nachdem Kiesewetter bei einem Besuch in ihrem Heimatort Oberweißbach erzählt hat, dass sie einen ursprünglichen freien Tag nicht nehmen, sondern am Tag darauf in Heilbronn Dienst tun würde.

Andere Spuren führen zu Kiesewetters letzten Einsatz. Sie war in Kornwestheim in einer Disco als verdeckte Ermittlerin bei der Rockergruppe „Hells Angels“ im Einsatz, die seit 1999 über einen „chapter“ in Heilbronn verfügt. Mit einer Razzia gegen die Hells Angels flog ihre Rolle auf. Das soll wenige Wochen vor dem Mord gewesen sein.

Andere Thesen verweisen auf zwei Kollegen von Kiesewetter mit einer braunen Vergangenheit. Kiesewetter war seit 2005 bei der Bereitschaftspolizei Böblingen (BFE 523). Der 31-Jährige Zugführer und Vorgesetzte von Michèle Kiesewetter war bis 2003 ein Mitglied des extrem rechten „European White Knights of the Ku-Klux-Klan“ (KKK). Der Umstand der Mitgliedschaft war Behördenintern seit 2003 bekannt. Ein weiteres KKK-Mitglied war Thomas Richter (* 1974) aus Leipzig, dessen Name sich auch im Adressbuch von Uwe Mundlos fand. Auch ein weiterer Kollege von Kieswetter war ebenfalls KKK-Mitglied. Dieser gab an, zur Tatzeit in Heilbronn am Bahnhof gewesen zu sein.

Heute existiert in der Nähe des Tatorts ein Gedenkstein.
Erinnerungs-Stein an Kiesewetter

LITERATUR & QUELLEN
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