DAS OPFER
Opfer war die 24-jährige Krankenschwesternschülerin Kerstin Winter aus Freiburg. Sie war Antifaschistin, wirkt beim „Verein zur Förderung der Subkultur“ mit, der auch unter ihrer Adresse firmierte, und war Mitglied der „Punx gegen Langeweile“ (PGL). Bei PGL unterstützte sie die Forderung nach einem „Autonomen Zentrum“ in Freiburg. Sie war auch bei der Notfall-Telefonkette „Antifa-Alarm“ involviert, die aktiviert wurde, wenn Neonazis auftauchten oder sich ankündigten.

DIE TAT
Am Nachmittag des 23. Januar 1993 wurde Kerstin Winter in ihrer Wohnung im zweiten Obergeschoss in der Ferdinand-Weiß-Straße in Freiburg beim Öffnen eines vor der Wohnungstür abgelegten Pakets durch die Explosion eine darin enthaltene Paketbombe Sprengsatzes getötet.
Das gelbe Paket ist in drei Exemplare der „Badischen Zeitung“ vom Sommer 1991 oder 1992 eingewickelt. In einem davon, der Ausgabe vom 13. Juni 1991 oder 1992, befand sich ein Artikel über die AZ-Initiative, an der auch Kerstin Winter beteiligt war. Kerstin Winters Name wurde auch in diesem Zeitungsartikel genannt.
Als Absender war auf dem Paket laut Rekonstruktion „Mord Rim“ und die fiktive Freiburger „Silberstraße 100“ angegeben, die z.B. in Berlin tatsächlich existiert.
Ein wichtiger Bestandteil der Bombe stammte aus dem Teil eines alten Feuerlöschers.
Expert/innen gaben an, die Bombe sei auf Grund ihrer Konstruktion nicht über weite Strecken transportabel gewesen, ohne zu riskieren, dass der Zünder ausgelöst würde.

DER PROZESS
Obwohl Kerstin Winter zuvor mehrfach von Neonazis verbal bedroht worden war, ermittelt die Polizei vor allem in der linke Szene und im Umfeld des Opfers.
Da RIM auch als Abkürzung für „Revolutional International Movement“ steht, eine maoistische Dachorganisation, mutmaßte die Polizei anfangs, dass eine „linksterroristischen Gruppe“ verantwortlich sei.
Es kam zu über 50 Verhören in der linken Szene. Viele Bekannte des Opfers gehören zu einer staatskritischen bis -feindlichen Linken und verweigern die Kooperation mit den Behörden. Das verleitete den zuständige Staatsanwalt Wolfgang Maier zu der Aussage: „Das Umfeld der Getöteten verhält sich nicht gerade kooperativ. Wir stoßen auf eine Mauer des Schweigens“.
Hinzu kommt das bei der „Sonderermittlungsgruppe Kerstin Winter“ der Polizei Beamte mitwirken, die zuvor in der Abteilung Staatsschutz und Terrorismus des Stuttgarter Landeskriminalamtes ermittelten. Das gilt zumindest für vier von zwanzig Beamten, darunter ist auch der Leiter der Gruppe. Diese Bekanntheit der Ermittlungsbeamten dürfte sich zweifach hinderlich ausgewirkt haben. Politische Freund/innen des Opfers dürften weniger gerne etwas ausgesagt haben und die ehemaligen Staatsschützer/innen haben sicherlich auch das Feindbild Links stärker verinnerlicht.

Die Polizei verhaftete am 29. Januar 1993 den 27-jährigen Freund Kerstins, Uwe B., als mutmaßlichen Täter. Am Folgetag beantragte der Oberstaatsanwalt Fluck einen Haftbefehl gegen Uwe B. Begründung für den Verdacht: Der Tatverdächtige war während der Explosion in Kerstins Wohnung auf dem Klo gewesen, was als ein Indiz für ihn als Täter gewertet wird.
Ein weiterer Grund für den Tatverdacht ist ein Gutachten über die Beschriftung des Bombenpakets; ein Filzstift des benutzten Typs sei in der gemeinsamen Wohnung der Toten und des Beschuldigten gefunden worden. Außerdem fehlten am Arbeitsplatz des Verdächtigen zwei Druckbehälter von Feuerlöschern, wie sie für die Bombe verwandt worden seien.
Ein zweites Schriftgutachten des Landeskriminalamtes widerspricht dem ersten und bezeichnet es als „eher unwahrscheinlich“, dass Kerstin Winters Freund die Adresse auf das Paket geschrieben habe. Außerdem stellt sich heraus, dass es bei dieser Art von Feuerlöscher gar nicht die zum Bombenbau nötigen Druckbehälter enthalten sind. Der Haftbefehl wurde am 3. Februar ohne weitere Auflagen aufgehoben und Uwe B. aus der Haft entlassen.

Am 10. März wurde erneut ein Tatverdächtiger verhaftet, ein 39-jähriger Fernmeldehandwerker, der vor sieben Jahre mit Kerstin zusammen war, zu der er zwischenzeitlich aber keinen Kontakt mehr hatte. Ein beschlagnahmtes Drahtstück soll von derselben Art wie der Draht in der Bombe sein.
Nach anderen Berichten wurde ein Kabel mit einem Materialfehler gefunden, wie es auch für die Paketbombe verwendet wurde. Außerdem belegte ein Gutachten, dass eine Zange aus dem Werkzeugkasten des Mannes beim Bau des Sprengkörpers verwendet wurde.
Der Tatverdächtige wurde vor dem Haftprüfungstermin in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Zwei Gutachten attestierten ihm eine paranoid halluzinatorische Schizophrenie.

Das Landgericht verurteilt am 3. März 1994 den Ex-Freund, er habe den Sprengsatz aus einer Hochdruck-Gasflasche für Feuerlöscher, Teilen einer Mausefalle, Klingeldraht und Neun-Volt-Batterien gebastelt. Sein Motiv sei enttäuschte Liebe.
Der Angeklagte selbst leugnete die Tat und sagte in seinem Schlusswort:

„Wenn ich verurteilt werde, kann ich nur hoffen, dass der, der die Bombe gebaut hat, noch mehr Bomben baut und eventuell noch mehr Menschen tötet.“

Der Verurteilte ging in Revision, die der Bundesgerichtshof im November 1994 verwarf.

REAKTIONEN & ERINNERUNG
Nur drei Tage nach dem Tod von Kerstin Winter, am 25. Januar 1993, fand in Freiburg eine Erinnerungs-Demonstration mit 4.000 Beteiligten statt.
Kerstin Winter Erinnerungsdemo
Auch in anderen Städten gibt es wegen des Mordes Demonstrationen.

Aus fehlendem Vertrauen in die Ermittlungsarbeit der Polizei bildeten außerparlamentarische Linke in Freiburg eine „Autonome Ermittlungsgruppe“, später umbenannt in „Info-Gruppe Kerstin“, bzw. das „Autonome Komitee Kerstin“ mit dem Ziel, der „Entpolitisierung des Falles entgegenzuwirken“. Bei Radio Dreyeckland konnte ein „Ermittlungstelephon“ angerufen werden, ein Angebot an diejenigen, die Spuren und Hinweise melden wollten, aber der Polizei nicht trauten.
Kerstin Winter Flyer

VORLÄUFIGE EINSCHÄTZUNG
Zwar präsentierte die Polizei mit dem Ex-Freund Winters einen Tatverdächtigen, der 1994 auf Grund von Indizien-Beweisen verurteilt wurde, doch nicht alle sind von dessen Schuld überzeugt.
Sollte es sich tatsächlich um eine Eifersuchtstat gehandelt haben, dann ging der Freund des Opfers außergewöhnlich kaltblütig vor. Gegen eine Beziehungstat spricht auch die Mordwaffe und die lange Planung, da diese Art von Tat zumeist situativ ist.

Es gab tatsächlich auch Hinweise auf rechte Täter/innen, die über das antifaschistische Engagement Winters hinausgehen.
So wiesen Kritiker/innen darauf hin, dass Rechte in Freiburg einige Jahre vor dem Paketbombenanschlag auf einer Mülldeponie einige Jahre zuvor Sprengstoff ausprobiert hätten.
Außerdem erhielt die Mutter des Opfers nach dem Tod ihrer Tochter offenbar Anrufe von Mitgliedern der rechten Szene.

Eine wichtige Frage wäre, wie sich der Sprengstoff zusammensetzte und woher er stammte.

LITERATUR & QUELLEN:
* Thomas Kleine-Brockhoff: Wer ermordete Kerstin Winter?, 12. Februar 1993 (sehr tendenziöser Artikel, der den Autonomen unterstellt, sie „wollen den Mord benutzen, um für den Kampf gegen die neue Rechte zu mobilisieren – unter ihrer eigenen Führung, versteht sich.“), http://www.zeit.de/1993/07/wer-ermordete-kerstin-winter
* Tödliche Paketbombe: Der Fall Kerstin Winter schockte 1993 Freiburg, http://www.badische-zeitung.de/freiburg/toedliche-paketbombe-der-fall-kerstin-winter-schockte-1993-freiburg--41103988.html
* Artikelsammlung der „Autonomen Antifa Freiburg“, https://autonome-antifa.org/?article104